Wie sich die Perspektive verändert

Als ich letzten Sommer wieder in Berlin war, gab es ein paar Kleinigkeiten über die ich mich sehr gefreut habe. Zum Beispiel war es eine schöne Abwechslung mal wieder kuschelige Pullis und warme Socken anziehen zu können. Kalte Füße zu bekommen habe ich dagegen überhaupt nicht vermisst. Wegen der Temperatur muss man in den Tropen nie den Wetterbericht anschauen. T-Shirt und kurze Hosen gehen das ganze Jahr lang. Wichtiger ist, ob man sich längere Zeit in einem klimatisierten Raum wie einem Restaurant oder Kino aufhalten wird, weil dann braucht man manchmal was zum Überziehen.

Im Sommer bin ich viel mit dem Fahrrad herum gefahren und als es mal steil bergab ging, hatte ich richtig Angst vom Rad zu fallen. Ich hatte mich so ans Rollerfahren gewöhnt, wo man etwas niedriger (und stabiler) sitzt. Außerdem hab ich die ganze Zeit versucht in den Rückspiegel zu schauen.

Besonders erleichternd war, dass ich mich nicht mehr zwei mal täglich mit giftiger Mückencreme einreiben musste. DEET-haltige Creme ist sehr unangenehm, da man 1 bis 2 Stunden aufpassen muss, sich nicht in die Augen oder an die Nase zu fassen (brennt sonst) oder mit den Händen zu essen. Zum Glück brauchen wir das in Singapur viel seltener.

Es macht auch einen Riesenunterschied in der Lebensqualität, wenn man Fuß- und Radwege hat, die den Namen verdienen. Oder sogar Auto-freie Anlagen wie z.B. den Park am Gleisdreieck.
Mir ist es etwas schwerer gefallen mich wieder an den Rechtsverkehr zu gewöhnen als andersherum. Das hat wahrscheinlich damit zu tun, dass es einfacher ist sich auf Bali zu orientieren, da überall so viel los ist. Dort würde sich auch niemand beschweren, wenn man eine zeit lang auf der falschen Seite fährt.

Wirklich gefreut hab ich mich auch, dass es Abends so lange hell ist! Auf Bali wurde es das ganze Jahr lang schlagartig um 7 Uhr dunkel, was lange, dunkle Abende bedeutet. Ich glaube, dass ich mehr Energie habe, wenn es länger hell ist.

Ganz praktisch war, dass die Wohnungen in Berlin nicht so voll mit Ameisen waren, wie unser Haus auf Bali. Wenn ich dort meine Teetasse oder etwas Süßes zu lange (wenige Stunden) habe stehen lassen, führte bald eine Ameisenstraße dorthin.

Wenn ich in der Hitze von Singapur zu Fuß irgendwo hin laufe, vermisse ich manchmal den Roller, weil das schon sehr praktisch war.
Ich glaube, einer der Unterschiede von Singapur zu Bali, der mir am Besten gefällt, ist dass ich wieder Leitungswasser trinken kann.

Advertisements

Von Warteschlangen und dem Wesen der Asiaten

Wenn von Menschen aus unterschiedlichen Ländern die Rede ist, spricht man gerne über deren Mentalität oder Temperament. Die Südländer sind so temperamentvoll, die Asiaten sehr schüchtern und so weiter. Ein Problem damit ist, dass es natürlich Ausnahmen gibt, ein Teil der Asiaten besitzen vermutlich ein ähnlich stürmisches Temperament wie ein durchschnittlicher Italiener.

Aber was dabei gar nicht berücksichtigt wird ist, wie situationsabhängig Verhalten ist. Das kann man am Besten mit ein paar Beispielen verdeutlichen. Verglichen mit Indonesien ist der Straßenverkehr in Singapur sehr zivilisiert. Verglichen mit Deutschland sind die Autofahrer aber keineswegs höflich und zurückhaltend, sondern sehr aggressiv und rücksichtslos. Wenig später stehen die gleichen Menschen ganz friedlich in der Schlange des Restaurants und warten geduldig auf einen Tisch.
In dem Moment, in dem sich die Türen der U-Bahn öffnen, gibt es immer ein paar, die hinein stürmen um einen der wenigen Sitzplätze zu ergattern. Gleichzeitig bleiben
die Sitzplätze für Behinderte/Alte/Schwangere aber frei.

Während man gemeinhin sagt, dass man in Asien sehr vorsichtig mit Kritik umgehen und in einem Streit nicht laut werden soll, so ist es ganz normal, durch das ganze Lokal zu schreien, wenn man noch etwas bestellen will. In Deutschland würde man wohl kaum als zurückhaltend gelten, wenn man als Handwerker nach der Wohnungsmiete und dem Gehalt fragt oder wenn flüchtige Bekannte nach Gewicht und Alter fragen und sagen, dass man ganz schön dick ist. Auf der anderen Seite habe ich gehört, dass man in Singapur selbst mit guten Freunden nicht über Religion und Politik spricht, aus Angst den anderen vor den Kopf zu stoßen.
Es läßt sich auch schwer mit dem Bild der friedlichen, religiösen Balinesen vereinen, dass ertappte Diebe an Ort und Stelle von einem Mob zu Tode geprügelt werden.

Aber kommen wir noch mal auf das Schlange stehen zurück. In Indonesien gibt es Situationen, in denen es mit dem Anstehen ganz gut klappt. In der Regel bildet sich eine große Traube, wo man darum kämpfen muss, dass man irgendwann an der Reihe ist. Ganz anders in Singapur. Wenn es etwas gibt, was Singapurer gut können, dann Schlange stehen. Ordentliche Schlagen von geduldigen Singapurern sieht man eigentlich überall. Alle Restaurants und Imbisse besitzen Schilder, die anzeigen, wo die Schlange zu starten hat und das wird auch befolgt. Bei der Post trifft man auf die Markierungen für die verschiedenen Schlangen auf dem Boden, lange bevor man die Schalter sehen kann.

Ich habe das Gefühl, dass sie ein bisschen stolz darauf sind, wie hübsch die Schlangen sind, die sie bilden. Als ich mal ein Problem mit meiner SIM-Karte hatte, musste ich zum Singtel-Laden (das Pendant zur Telekom). Es war etwas voll und als die Lösung nicht funktionierte, ging ich zurück zum Schalter, wodurch es noch etwas unübersichtlicher wurde.
Eine der Angestellten sagte dann: „Who’s next?“ (Wer ist der nächste?)
Und fügte etwas genervt hinzu: „I have to ask because there is more than one queue.“ (Ich muss fragen, weil es mehr als eine Schlange gibt.)
Daraufhin war einer der Schlangestehenden so richtig beleidigt und schimpfte die nächsten Minuten, dass es doch klar wäre wo die Schlange sei, sie solle nur richtig hinkucken, es gäbe natürlich nur eine Schlange und so weiter.

Was gibt es für widersprüchliche Verhaltensweisen die ihr entdeckt habt? Oder in welchen Situationen sich Menschen ganz entgegen dem Klischee verhalten?

Ein Neujahr nach dem Anderen

Letzte Woche feierten wir unser erstes Silvester in Singapur. Dazu sind wir abends ins Zentrum zu Marina Bay gefahren, wo – vergleichbar mit dem Brandenburger Tor – die größte Party stattfand. Angeblich gab es eine Bühne mit Musik (und Programm?) von der wir aber nichts mitbekamen. Es gab nicht mal einen Countdown. Nach meiner Uhr began wenige Sekunden vor Mitternacht das offizielle Feuerwerk. Ganz nett. 8 Minuten später war alles vorbei und die Menschenmengen strömten nach Hause. Niemand hatte Feuerwerkskörper, es wurde kein Alkohol getrunken und auch nicht angestoßen. Etwas langweilig im Vergleich zu Berlin. Dafür sehr sicher.

Viel wichtiger als Silvester und das westliche Neujahr ist hier das chinesische Neujahr, was nächsten Monat stattfinden wird. So wie Thanksgiving in den USA die Weihnachtszeit einläutet, so wurde durch Silvester die Vor-Neujahrs-Zeit eingeläutet. In den Supermärkten erklingt nun Neujahrsmusik und Neujahrsschmuck, -gebäck und -kitsch füllen die Auslagen.

Am 08.02.2016 findet das chinesische Neujahr oder Mond-Neujahr statt (gibt auch einen Sonnenkalender). Der Tag ändert sich von Jahr zu Jahr, da das Neujahr auf den Neumond zwischen dem 21. Januar und dem 21. Februar fällt.

Der chinesische Kalender ist ziemlich kompliziert und nicht überall wird eine Jahreszahl verwendet. Die Berechnung ist auch nicht einheitlich und so wird am 08.02 entweder das Jahr 2130, 4713 oder 4653 begrüßt.

Einige werden sich erinnern*, dass es auf Bali auch ein eigenes Neujahr gibt: Nyepi, den Tag der Stille. Dieses Jahr (auch mondabhängig) findet Nyepi am 09.03.2016 statt. In Bali beginnt dann das Jahr 1938.

Wieder einen Monat später wird in Thailand vom 13.4 bis zum 15.4.2016 das Jahr 2588 begrüßt. Songkran, das thailändische Neujahr, wird mit ausgiebigen Wasserschlachten gefeiert.

Der jüdische Kalender ist noch „weiter“ und zwar ist derzeit das Jahr 5776.
Das jüdische Neujahr, Rosch ha-Schana, wird vom 03.10 – 04.10.2016 zelebriert.

Wie alle islamischen Feiertage wandert auch das Datum des islamischen Neujahrs durchs Jahr. Das nächste Jahr, 1438, beginnt am 03.10.2016.

Es gibt natürlich noch viel mehr Kulturen, die ihre eigenen Neujahrsfeste haben. Die in anderen Ländern verbreiteten Kalendersysteme kommen mir ganz schön kompliziert vor. Alleine die Anzahl der in Indien verbreiteten Kalender ist erstaunlich. Da bin ich ganz froh über unseren langweiligen, gregorianischen Kalender.

Übrigens: Dafür, dass wir das Neujahr am 1. Januar feiern, gibt es zwei Erklärungen:
– Jahresbeginn und Amtsantritt der Konsuln des römischen Reiches
– der 8. Tag seit der Geburt von Jesus und damit der Tag seiner Beschneidung

* Nyepi ist der Tag, an dem niemand für 24 Stunden das Haus verlassen darf. Alles hat
zu, sogar der Flughafen. Außerdem darf man nicht fernsehen, kein Licht anmachen, nicht kochen, keinen Lärm machen und dergleichen mehr. Und das wird auch wirklich durchgesetzt: Als wir beim Abendessen noch das Licht
anhatten, kam jemand und sagte wir sollen es ausschalten.

Typische Bali Nachrichten

Beim Lesen der Nachrichten aus Bali und Indonesien, gibt es immer wieder so Momente, bei denen ich denke, dass kann auch nur hier passieren. Mir scheint, was diese Artikel gemein haben ist, dass sich die Indonesier mal wieder besonders dumm angestellt haben. Da die Artikel in englisch und damit für Expats sind, frage ich mich auch, ob sie vielleicht absichtlich so ausgewählt werden. Auf der anderen Seite hab ich nach zwei Jahren Indonesien aber keine Zweifel, dass sich das wirklich so zugetragen haben kann.

Die Wärter vom Kerobokan-Gefängnis von Bali haben den falschen Häftling freigelassen

a man, who shares the same initials as another inmate who had completed their prison term has been released.
“Their names are the same, both having the same initials CA,” said Chief Sudjonggo.

Weil sie die gleichen Initialien haben.

hoped that he would turn himself in instead.

Und sie hoffen, dass er von alleine wieder zurückkommt.

Ein Techniker für Bankautomaten hat Geld geklaut

[The technician] helped himself to almost Rp200 million before closing up the machine and walking away.

Bevor er den Bankautomaten wieder zu gemacht hat, da hat er sich einfach mal 13.000 Euro rausgenommen. Und seinen Job gekündigt.

The suspect confessed to police during the interrogation that he used some of the money to pay off debts and buy a new motorbike,

Nachdem die Bank gemerkt hat, dass Geld fehlt, hat’s auch nicht lange gedauert bis sie auf ihn gekommen sind. Das Erste, was er macht ist natürlich sich ein Motorrad kaufen.

In Indonesien wurde der Verkauf von alkoholischen Getränken in Mini-Märkten verboten.
Die Kritik des Gouverneurs von Jakarta liest sich ganz vernünftig bis:

[The Governors] administration holds a 26.25% share in PT. Delta Djakarta, the Indonesian distributor of Anker, Carlsberg and San Miguel [beer brands].

Der Gouverneur (bzw. seine Regierung) ist mit 26% an einer Firma, die Bier in Indonesien verkauft, beteiligt.

Podcast: Korruption in Indonesien

Podcasts sind mittlerweile ein beliebtes Format im Internet. Zu allen möglichen Themen gibt es Leute die alleine oder mit anderen zusammen ihre Gedanken austauschen und sich dabei aufnehmen. Ein Vorteil gegenüber Texten, die man lesen muss ist, dass man nebenbei zuhören kann und es oft auch unterhaltsamer ist.
Ich wollte das gerne ausprobieren und hab einfach mal ein paar Geschichten zum Thema Korruption aufgenommen. Es hört sich wahrscheinlich nicht so gut an, da ich kein richtiges Mikrofon habe. Ich hatte mir auch nur ein paar Stichpunkte aufgeschrieben und überraschenderweise sind trotzdem 23 Minuten zusammen gekommen.
Ich würd mich sehr über Rückmeldungen von euch freuen. Gefällt euch das? Wie ist die Tonqualität? Soll ich das weiter verfolgen?

Oder zum Herunterladen

Weiterführende Links
Film: Act of Killing
Wikipedia Artikel zum Film
Zeitungartikel über Wähler-Bestechungen bei Wahlen
Buch Hotel K über die Zustände in Balis Gefängnis
Gefühlt gibt es jeden Tag einen Artikel über eine Festnahme wegen Korruption. Das ist der von heute

Linktipps Indonesien (4)

Aerobic-Übungen sind Teil des Schulsports in Indonesien. Dank der Nachbarskinder haben wir schon einige Videos kennenlernen dürfen. Der Text bei diesem ist übrigens: „Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht“
https://www.youtube.com/watch?v=TWOab_Ibusk

Überflutungen in Jakarta
Same procedere as every year, James.

Podcast über das Leben in China (auf Deutsch). Interessant, was die Gemeinsamkeiten zwischen Indonesien und China sind und wie sich das Leben unterscheidet.

Kurzes Video über das Expat Leben in Indonesien. Besonders wenn man an einer staatlichen Schule als Lehrer arbeitet (gilt nur bedingt für Internationale Schulen).
Zu dem Essen kann man aber sagen, dass es recht wenig Gemeinsamkeiten zwischen westlicher und indonesischer Diät gibt. Alle Lebensmittel die hauptsächlich von Expats konsumiert werden sind wirklich sehr teuer, z.B. Käse, Butter, Müsli, Wein, Salami.

Lieber Stadt als Strand: Warum wir nicht länger auf Bali bleiben

Zwei Jahre Bali neigen sich dem Ende entgegen. Nachdem das erste Jahr vorbei war, war die meist gestellte Frage: Und dann? Was macht ihr danach?
Der einfache Teil der Antwort war, dass zwei Jahre Bali uns genug sind.

Wir merkten beide, dass wir Stadtmenschen sind. Auf Bali gibt es die Verkehrsprobleme einer Vorstadt aber nur die Möglichkeiten einer Kleinstadt. Die Salsa-Szene ist nur so lala, Klettern ist minimal, nur durch Zufall hab ich vor kurzem ein paar andere Jongleure gefunden und es gibt keine Strickgruppen für Claire. Da es überhaupt keine Tech- bzw. IT-Szene gab, fing ich selbst damit an Treffen zu organisieren. Natürlich kann man Bali nicht mit Berlin vergleichen aber es fühlt sich in vieler Hinsicht eingeschränkt an. Wir waren noch nie in einem Kino und nur ein einziges Mal bei einem Comdey-Abend. Andererseits gibt es auch Dinge, wofür Bali ideal ist wie z.B. Surfen, Tauchen, Massagen und Essen gehen.

Dazu kommt, dass es schwierig war unsere Leute zu finden. Der Mainstream der Expats sieht ungefähr folgendermassen aus (was die Indonesier in ihrer Freizeit machen, falls sie welche haben ist mir immer noch unklar): Die jungen Leute surfen und machen Party. Die Älteren interessieren sich für Yoga und Spiritualität. Die mit Familien müssen arbeiten und betreiben entweder Restaurants oder vermitteln Villas. Und dann gibt es noch ein paar, die von der scheinbaren Gesetzlosigkeit hier angezogen werden.
Nach und nach haben wir natürlich unsere Leute gefunden. Ich hab sogar einen Freund der Makler und Surfer ist :-).

Es gibt noch viele andere Faktoren, die bei unserer Entscheidung nicht länger auf Bali zu bleiben eine Rolle gespielt haben (später vielleicht mehr darüber).